Die Menschheit im Großexperiment


(Zeichnung: Mester)Der neueste Bericht des Weltklimarates IPCC warnt vor drastischen Veränderungen, wenn die Menschheit den CO2-Ausstoß nicht verringert. Doch wird sie das? Die Europäische Union ist kein Vorreiter mehr beim Klimaschutz, die USA und China lassen hingegen aufhorchen. Im November beginnt der nächste Weltklimagipfel. Ein Interview mit Christoph Bals, dem Politischen Geschäftsführer der Entwicklungs- und Umweltorganisation Germanwatch

(Zeichnung: Mester)
Herr Bals, der Weltklimarat IPCC warnt in seinem neuesten Klimabericht davor, dass der Meeresspiegel bis 2100 um bis zu 98 Zentimeter und die Lufttemperatur um bis zu 4,8 Grad steigen könnten, verglichen mit dem Ende des 20. Jahrhunderts, wenn die CO2-Emissionen nicht gesenkt werden. Ist Ihrer Meinung nach die Botschaft angekommen?
Christoph Bals: In Deutschland ist die Botschaft, dass der Mensch zu 95 bis 100 Prozent Wahrscheinlichkeit die treibende Kraft beim Klimawandel ist, relativ klar angekommen. Das zeigt das Medienecho auf den IPCC-Bericht. In der Medizin würde man sagen, wer jetzt nicht handelt, begeht einen Kunstfehler.
Wie dramatisch ist die Klimasituation aus Ihrer Sicht?
Bals: Ein ungebremster Klimawandel bedeutet ein Großexperiment mit der Menscheit. Mit großen Schritten bewegen wir uns in ein Klima, das ganz anders ist als das der letzten 10.000 Jahre im Erdzeitalter Holozän. In diesem Zeitraum sind alle Hochkulturen entstanden. Wir testen also aus, ob und wie viele von uns in einem anderen Klima überleben können. Es geht bei diesem Experiment nicht nur um die Atmosphäre und steigende Temperaturen, sondern auch darum, dass die Ozeane wärmer und saurer werden. Damit ist ein wichtiger Teil der Nahrungsmittelkette bedroht.
Ist das Ziel, die Erwärmung des Weltklimas auf zwei Grad zu begrenzen, noch zu erreichen?
Bals: Ja – das ist eine der positiven Aussagen des IPCC-Berichtes. Das gelingt aber nur, wenn die Staaten von Trippelschritten zu einem grundlegenden Wandel übergehen. Für Deutschland heißt das, es müsste ein Klimaschutzgesetz verabschiedet werden mit klaren Zielen für eine stufenweise Verringerung des CO2-Ausstoßes: Gegenüber dem Jahr 1995 müsste er um 40 Prozent bis 2020 und um 95 Prozent bis 2050 sinken. Ganz Europa schaut in den nächsten Wochen auf Deutschland und die Koalitionsvereinbarungen, um zu sehen, ob Deutschland bei der CO2-Reduktion eine treibende Kraft sein wird.
Erwarten Sie, dass Deutschland das sein wird?
Bals: Das ist schwer vorauszusehen. Die SPD hat in ihr Wahlprogramm die Verabschiedung eines Klimaschutzgesetzes hineingeschrieben. Wenn das kein Etikettenschwindel sein soll, müssten die ambitionierten Ziele darin rechtlich verbindlich festgesetzt werden.
Vom 11. bis zum 22. November trifft sich die Welt in Polen zu ihrem nächsten Klimagipfel. Was erwarten Sie davon?
Bals: Man sollte nicht mit übersteigerten Erwartungen zu Klimagipfeln fahren. Es fällt nicht kurz vor Weihnachten das Klimaheil von diesen Gipfeln. Aber es ist vieles im Fluss. Die USA und China haben in den letzten zwei Jahren größere Fortschritte erzielt als die Europäische Union, in der nicht zuletzt Deutschland unter dem Wirtschaftsminister Philipp Rösler vom Vorreiter zum Bremser wurde. Die USA haben dagegen die Grenzwerte so verändert, dass keine neuen Kohlekraftwerke mehr gebaut werden können. Für die alten werden voraussichtlich die Werte so verschärft, dass alte Dreckschleudern abgeschaltet werden müssen. Nach Vorstellung des neuen IPCC-Berichts hat Präsident Obama in aller wünschenswerten Deutlichkeit auf ein neues Klimaabkommen gedrungen. Merkel hat dagegen ihren Sprecher vorgeschickt.
Was passiert in China?
Bals: Anders als noch vor wenigen Jahren sagen erste Studien voraus, dass China in wenigen Jahren den Höhepunkt beim CO2-Ausstoß erreicht haben wird. Im Frühjahr lagen viele chinesische Städte unter einer Smogwolke. Die Politik diskutiert, durch eine Verringerung der Emissionen zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Bessere Bedingungen für die eigene Bevölkerung und für das Weltklima. Es wäre ein Treppenwitz der Weltgeschichte, wenn die USA und China uns im Klimaschutz abhängen.
In Polen soll ein neuer Weltklimavertrag vorbereitet werden, der bis 2015 fertig und ab 2020 gelten soll. Erwarten Sie, dass es dazu kommt?
Bals: Wichtig ist zunächst eine Strategie, wie die Klimaschutzlücke vor 2020 geschlossen werden kann. Die Europäische Union müsste mit einer Verschärfung ihrer Ziele vorangehen. Dann geht es um den Fahrplan für das neue Abkommen für die Zeit nach 2020. Die EU hat sich in die Rolle des Vorreiters gedrängt. Ein EU-Staat, Frankreich, wird den entscheidenden Gipfel 2015 ausrichten. Aber die EU wird ihrer Rolle nicht gerecht. Und Deutschland gehört zu den Bremsern. Wir hoffen auf neuen Schwung durch die neue Regierung, denn den brauchen wir.
Welche Rolle werden die armen Staaten bei den Verhandlungen spielen?
Bals: Die Industriestaaten haben zugesagt, ab 2020 jährlich 100 Milliarden Dollar zu mobilisieren für Klimaschutz und Anpassung in den Entwicklungsländern. »Ihr macht mehr – wir unterstützen euch dabei«, das war die Zusage. Der Green Climate Fond ist der Testballon. Unterstützt er ernsthaften Wandel? Wird erstes Geld dafür bereitgestellt? Außerdem drängen die 110 besonders verletzlichen Staaten – unter dem Begriff »Loss and Damage« – auf Unterstützung. Wer unterstützt sie bei den Schäden, die trotz des jetzt noch möglichen Klimaschutzes und der Anpassung entstehen? Die unter dem Klimawandel leidenden Menschen fangen an, sich zu organisieren. Das wird die ganze Architektur der Verhandlungen verändern.
Christoph Bals ist Politischer Geschäftsführer der Organisation Germanwatch, die sich seit 1991 für Nord-Süd-Gerechtigkeit und den Erhalt der Lebensgrundlagen einsetzt.
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