Mehr als nur Gefeilsche ums Klima


klimaAm heutigen Montag beginnen die UN-Klimaverhandlungen in Warschau. Vertreter von rund 190 Nationen sollen gemeinsam den Vertrag vorbereiten, der die Welt vor dramatischen Veränderungen bewahren würde. Wird das gelingen? Der Erfolg entscheidet sich nicht nur in Polen. Auch zu Hause ist Druck auf die Politiker nötig.

Die Welt muss aufhören, den Regenwald abzuholzen, sie muss in nachhaltige Städte und Landwirtschaft investieren und in schadstoffarme Fortbewegungsmittel, doch bisher fürchten fast alle Staaten, durch Klimaschutz mehr zu verlieren als zu gewinnen

»Klimakonferenz? Nicht schon wieder!« Nur mühsam unterdrücken Politiker, Journalisten und – ehrlich gesagt – auch viele Umweltschützer diesen Seufzer zum Jahresende, wenn wieder ein UN-Klimagipfel, diesmal in Warschau, ansteht. Aus der Aufbruchsstimmung von Rio 1992 und Kyoto 1997 und der ultimativ angekündigten (und dann gescheiterten) Weltrettung in Kopenhagen 2009 ist bleierne Müdigkeit geworden. Muss man für diese Treffen Tausende von Diplomaten, Lobbyisten und Journalisten in die Flugzeuge steigen lassen?

Die Antwort heißt: »Ja plus«. Die Verhandlungen sind nötig, auch wenn sie nicht die Welt retten. Aber es braucht mehr als das hirnerweichende nächtelange Gefeilsche: nämlich Druck von unten, Entscheidungen von oben, Mut von allen.

»Ja«: Nur auf diesen Konferenzen wird öffentlich über das Klimaproblem und seine Lösungen gestritten. Nur hier haben die armen Staaten, die Betroffenen und Umwelt- und Entwicklungsgruppen eine Bühne, die sie in Geheimverhandlungen zwischen China, den USA und der EU nicht haben. Nur hier müssen sich die großen Verschmutzer moralische Anklagen gefallen lassen. Und nur hier werden Regeln und technische Standards beschlossen, die das Klimaproblem überhaupt lösbar machen.

Die Klimadiplomatie ist besser als ihr Ruf

»Ja«: Die Klimadiplomatie ist besser als ihr Ruf. Die Treibhausgas-Emissionen der Industrieländer sind auch wegen des Kyoto-Protokolls zurückgegangen; viel Geld ist in die Entwicklungsländer geflossen, und grüne Techniken wie die Solarenergie sind zur Marktreife entwickelt worden. Inzwischen wollen sich alle Länder ab 2020 zu Obergrenzen für Emissionen verpflichten – undenkbar noch vor ein paar Jahren.

Warum »plus«? – Weil das nicht reicht. Die bisherigen Verpflichtungen zum Klimaschutz bringen uns 2100 eine Erde, die um vier Grad Celsius wärmer ist als vor der Industrialisierung. Damit drohen extreme Stürme, Regenfälle, steigende Meeresspiegel, Hitze und Dürre, die die Lebensgrundlagen bedrohen. Aber diese Horrorszenarien bewirken kein Umsteuern. Bisher fürchten fast alle Staaten, durch Klimaschutz mehr zu verlieren als zu gewinnen.

»Plus«: Es muss sich also mehr bewegen als die Klimadiplomatie. Zum Beispiel: eine weltweite Bekämpfung der Armut, die nicht mit der Zerstörung der Umwelt erkauft wird, wie es Projekte zu angepasster Landwirtschaft, dezentraler Energie und Bürgerbeteiligung in vielen Teilen der Welt versuchen. Ein Ende des Raubbaus an den Wäldern, wie es Brasilien zum Teil exerziert. Investitionen in nachhaltige Städte, womit China experimentiert. Und Industrieländer, die zu Hause zeigen: Klimaschutz tut am Anfang ein bisschen weh, ist aber ökonomisch und ökologisch die Zukunft.

Persönliches Engagement ist nötig

All das fällt aber nicht vom Himmel. Es kommt nur durch politischen Druck und persönliches Engagement zustande: Der Überlebenswille afrikanischer Kleinbauern, das Verantwortungsgefühl amerikanischer Helfer, der Mut chinesischer Bürgerrechtler und der Erfindungsreichtum deutscher Energiewende-Tüftler können dazu führen, dass sich nationale Regierungen und internationale Konzerne bewegen. Dass sie Gesetze beschließen, Normen festlegen und Standards akzeptieren.

Das geht doch nicht? Das geht sehr wohl: Die Sklaverei wurde abgeschafft, die Apartheid beseitigt und die Mauer fiel, weil sich viele Menschen über viele Jahre mit diesen Skandalen nicht abfinden wollten, sondern zur richtigen Zeit Alternativen bereit hatten. Beim Klima liegen die Alternativen auf dem Tisch. Man darf die Diplomaten damit nur nicht allein lassen. Sie brauchen Druck und Ermutigung aus ihren Ländern. Und Deutschland, mit seiner Energiewende der Einäugige unter den Blinden der Klimapolitik, verhandelt genau zum Zeitpunkt von Warschau über diese Zukunft: Eine Koalitionsvereinbarung mit einer mutigen und trotzdem bezahlbaren Energiewende wäre ein großes »Ja plus«. Das gäbe den Klimakonferenzen nicht sofort eine Lösung. Aber wenigstens eine Hoffnung.

Bernhard Pötter ist Fachjournalist und Buchautor zu Umweltfragen. Die UN-Klimakonferenz findet vom 11. bis zum 22. November in Warschau statt. Ziel ist ein neues internationales Abkommen zum Klimaschutz. Dieses soll bis 2015 erarbeitet werden und bis 2020 in Kraft treten. Dann laufen die Vereinbarungen zum Kyoto-Protokoll aus. Die an der Konferenz teilnehmenden Länder stehen für achtzig Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen. Die Konferenz wird mit Spannung erwartet. Auf den vergangenen Klimatreffen blockierten sich die USA, China und Europa gegenseitig – mit der Bedingung, nur zu handeln, wenn auch die anderen handeln.

Quelle: Publik-Forum 21/2013 vom 08.11.2013